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02/2024
Multi-masking
Zuerst veröffentlicht im I LOVE YOU magazine. Das Statussymbol des Jahres ist Entspannung. Natürlich merkt niemand, dass man vor einem Vollbad nicht wenigstens die Selbstachtung hatte, eine Duftkerze ab einem Preissegment von 32 Euro anzumachen. Doch man hätte ja gekonnt.

I LOVE YOU magazine. Photography: Joseph Kadow
Schon droht eine verpasste Chance. Der Tenor: Wer nicht mindestens zwei Körperteilen gleichzeitig Erholung und Optimierung gönnt, hat den Moment der Ruhe nicht effizient genug ausgenutzt.
Multi-Masking, also das Kombinieren eines Zeitfensters unvermeidbarer Beschäftigung mit der passenden Einwirkzeit eines Pflegeprodukts, ist die Steigerungsform von einfacher Entspannung. Selbst beim staffelweise Netflix gucken wäre es schließlich ein Leichtes, wenigstens eine Gesichtsmaske aufzutragen. Denn im Vordergrund steht nicht etwa, ob man sich (oder die eigenen Poren) erholt hat, sondern wie effektiv der Vorgang der Entspannung war.
Deshalb klingt plötzlich sogar der Wikipedia-Artikel zu industriellen Kompaktreglern, der erscheint, wenn man das Wort Selbstoptimierung dort zu voreilig eintippt, wie eine Gebrauchsanweisung für die Routine im Badezimmer:
„Oft stehen im Regler zwei verschiedene Arten der Selbstoptimierung zur Verfügung. Vor dem Start der Selbstoptimierung sollten in der Regelstrecke Betriebsbedingungen vorherrschen und der spätere Sollwert muss eingestellt werden.“
Der Philosoph Peter Sloterdijk schlägt vor, dass man sich unbedingt daran gewöhnen soll, immer mehr aus sich herauszuholen. Der spätere Sollwert wird auf jeden Fall kommen.Er überträgt eine Art Dauer-Übungszustand auf den Menschen, der vor allem dann zu Höchstleistungen fähig sein soll, wenn ihn „Vertikalspannung“ antreibt. Sie beschreibt das Streben nach mehr, das aus uns herauskommt: Die Selbst-Erfindung wird in der Übung realisiert. Dieses Streben kann jedoch auch in Abgrenzung zu anderen stattfinden. Der Impuls, sich an dieser Stelle auszuklinken, um Entspannung von der Vertikalspannung zu suchen, ist nachvollziehbar.
Wer aber gar nichts dagegen hat, effizient zu optimieren, was sowieso gepflegt werden möchte, darf aufatmen: Unerschlossenes, skalierbares Entspannungsgebiet gibt es nach wie vor genug.
Photography: Joseph Kadow, Styling: Tim Heyduck, Hair & Make-up: Susanna Jonas, Creative Direction: Alina Larissa Schmid, Models: Haein (SMC MODEL MANAGEMENT), Jutta (VIVA) & Fiona (Kyra Sophie), Production: Ahmad Larnes. I LOVE YOU is a project by THE GAABS.
